Buenos Aires erschien mir am Anfang wie ein schwitzender Moloch. Ein alles verschlingendes Wesen aus endlosen Strassen, in denen sich wie überemsige Insekten die Autos durch dunkle Rußwolken fressen, laut, stinkend und flirrend in der langen Sommerhitze.
Buenos Aires ist in vieler Hinsicht nicht anders als die meisten Größstädte in der Welt. Strassen, Autos, Lärm, und überall Geschäfte. Und Buenos Aires ist anders. Durch seine Menschen.
Die Argentinier, die nicht aus Buenos Aires kommen beschreiben die Portenos (die aus dem Hafen kommen) als relativ kalt und unfreundlich. Als Europäer hingegen empfinde ich den Großteil der Menschen hier schon sehr entspannt und aufgeschlossen.Ich weiß natürlich, was die Menschen meinen, die vom Land in die Großstadt kommen. Sie begegnen natürlich einer Großstadtkultur, in der die Menschen dazu neigen, den Nachbarn eher als Bedrohung statt als Freund, den Menschen auf der Strasse anonym statt persönlich zu erleben. Und angeblich spielt auch hinein, daß die Argentinier im Verhältnis zu Ihren Nachbarn Peru, Uruguay und Chile eine recht hohe Meinung von sich an den Tag legen, die so wurde mir geschildert, nicht immer noch sympathisch ist. Stolz ist ein Thema, das sich auch im Tango widerspiegelt. Und der Porteno, der zum Tanzen auf eine Milonga (Tanzabend) geht verkörpert diesen Stolz in beeindruckender Weise. Stolz können wir auf jemanden oder auf uns selbst sein. Stolz ist etwas, das uns zutiefst mit einem Menschen oder einer Sache verbinden kann, z.B. der Vaterstolz, und zugleich ist der Stolz schnell lächerlich, wenn er entleert ist. Der Stolz der Hafenbewohner ist der aufrechte Stolz, in dem sich der Tänzer seiner Würde und seiner Kraft bewußt wird. Er weiss diese zu beschützen und zugleich wie eine Lanze vor sich her zu tragen. Stolz ist die Kraft der Rose, sich aufzurichten und auf ihr Geburtsrecht zu bestehen, bewundert zu werden. Das ist die Erfüllung des Stolzes. Und diesem Stolz kann man begegnen, in den Milongas von Buenos Aires. Auch wenn es uns zunächst befremden kann, wenn wir den tango noch nicht tief aufgesogen haben. Denn der Tango trägt ihn auf den Flügeln der Musik bis nach Europa: der Stolz im Tanz aufzublühen und ihn als fordernde Haltung in jeden Schritt zu pflanzen. Der Stolz wächst mit jedem Tango. Buenos Aires genießt seinen Ruf.
David Lepold, 16.4.2010, BAires